Ohne Worte

5. Mai 2009

Ein sitzender Hase, Alf, ein Totenkopf, ein Flugzeug. All diese wunderschönen Dinge erblickte ich, auf einer Wiese liegend, Gras rauchend in den blauen Himmel starrend. Einfach nur geil. Die Wolken verwandelten sich während sie durch mein Blickfeld reisten. Manch eine blieb absolut ohne erkennbare Form, andere waren Meister der Metamorphose. Diesen dankte ich es mit einem breiten Lächeln auf meinem Gesicht. Die Welt war warm, schön, der Sommer stand schon in den Startlöchern und ich liebte mein Leben. Tief inhalierte ich den Rauch und hielt die Luft an. Tanja nahm mir den Joint ab. Sie lag auf dem Bauch, den Kopf auf die Ellenbogen gestützt und lächelte wie ein Engel in einem rosa Top. Meine Güte, wäre sie Rotkäppchen, ich hätte Sie glatt fressen können, so süß war sie.

Die Sonne erwärmte unsere Haut, der Wind streifte über uns ohne zu zerren. Tanja setzte sich auf, den Rücken zu mir gewandt und drückte den Joint aus. Sie blickte schweigend in die Ferne. Ihr Gesicht blieb mir verborgen doch ahnte ich ihr Lächeln. Wir waren glücklich. Hier und jetzt waren wir. Ich schloss die Augen und spürte bald, wie Tanja sich zu mir legte und ihre Nase meine Wange kitzelte. Ein wunderbares Gefühl.

Paradiesisch. Tanja, ich und der Rest der Welt.

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Was wirst du tun?

9. April 2009

„Was wirst du tun? Was wirst du tun, wenn du allein bist?“

Tanja schaute mir nicht in die Augen. Sie saß mir wie immer am Tisch in der Küche gegenüber. Gerade hatte ich ihr Kaffee eingeschenkt und mich gesetzt. Rechtzeitig, wie mir schien. Jede Erwiderung würde uns weiter entzweien. Ich war zu feig, diesen Schritt jetzt zu gehen.

„Du würdest sicher bald wieder jemanden finden. Das musst du ja. Sonst würdest du platzen.“

Sie lachte laut und künstlich. Leckte sich den mit Marmelade verschmierten Finger ab. Sie sah auf den Teller.

„Ich kenne dich, du brauchst jemanden. Willst nicht alleine sein. Hauptsache du bist nicht alleine, nicht wahr?“

Nun sah sie mich an. Ihre Augen waren rot. Sie hatte geweint, war traurig, war wütend und betrachtete mich sowohl als Täter als auch als Opfer. Ich überlegte nicht lange was ich tun sollte. In dieser Situation gab es keine Chance zu entkommen. Ich war umzingelt, sie in der Überzahl. Ich ließ sie also herankommen.

„Sag mir sofort, was du denkst!“

Ihre Augen funkelten nun und ihre Hand, die das Messer hielt, schien kein Blut mehr inne zu haben, so fest hielt sie es. Da war die Vorlage. Eine wunderbare Fügung Gottes. Kaum drei Sätze weit und schon gab sie mir die Peitsche in die Hand.

„Clausewitz. Ich habe mich daran erinnert was er in seinen Schriften mit Namen ‚Vom Kriege‘ im sechsten Buch in Kapitel 25 schrieb.“

So einfach wollte sie es mir jedoch nicht machen. Se wollte nicht darauf eingehen wie ich es im Sin hatte. Doch hatte ich sie längst in meinem Netz gefangen.

„Was hat das mit uns zu tun? Was hat das mit meiner Frage zu tun?“

Sie fragte es nicht, sie schrie es. Ich nippte an meiner Tasse und nahm mir ein Brötchen. Ohne aufzublicken begann ich zu reden während ich mir Marmelade auf das Brötchen strich.

„So ist das bei uns. Du stellst mir eine Frage, ich antworte und du willst oder kannst nicht verstehen was ich sage. Ich bin es leid dir alles immer und immer wieder vorzukauen. Ich bin weder dein Vater noch dein Lehrer, bin nicht dein Pfarrer dem du beichtest noch dein Freund. Ich bin nur noch ein Andenken an eine vergangene Zeit die du nicht loslassen willst.“

Ich stand auf und blickte sie von der Seite an. Sie war wie versteinert. Ich nahm den Schlüssel von der Theke und ging zur Tür.Ich drehte mich noch einmal um.

„Clausewitz steht im Bad, wenn du ihn lesen willst. Hilft dir im Moment sicher mehr als diese beschissenen Beziehungskistenbücher die du dir reinziehst. Vom Lesen alleine wird nichts besser.“

Das Schloss krachte als die Tür schloss. Würde sie weiterhin nur lesen? Ich nicht, ich würde das Gelesene in unserer Beziehung nutzen. Auch Clausewitz.


Flashback

9. April 2009

Da sitze ich und höre Musik. Habe sie selbst aufgelegt. Sitze da und staune.

Es ist warm. Ich habe die Fenster leicht geöffnet, die Jalousien sind unten. Ich will nur die Luft, nicht die Nacht hereinlassen. Und da sitze ich, höre Musik und staune. Die

Lieder sind alt, einige Beziehungen alt. Tausende Tage ist es her, da ich die Platte als LP auf meinem Plattenspieler laufen ließ. Seite 1, dann Seite 2. Seite 1 wieder, Seite 2 noch einmal. Das ganze wieder von vorne. Manchmal auch einfach die Wiederholung eingeschaltet und die knapp zwanzig Minuten Musik wiederholten sich bis ich eingeschlafen war.

Jetzt höre ich die Lieder und ich spüre die Gefühle von damals. Es ist keine Erinnerung, kein schemenhaftes Entsinnen an einen Vorgang. Flashback. Ich fühle was ich damals gefühlt habe. Ich weiß zwar, dass meine Gefühle keine Reflektionen in der Vergangenheit mehr auslösen können, doch spüre ich die Einsamkeit, dieses Gefühl, allein und unverstanden zu sein, so intensiv, dass mir die Erkenntnis fast die Luft raubt. Woher, verdammt, kommen diese Gefühle von denen ich mir sicher war, dass darüber Gras gewachsen war?


Wie es ist.

2. Februar 2009

Wie es ist, die Frische des Kusses zu spüren, diese unbekannte herbeigesehnte Empfindung. Auf kalter Bank sitzen, sie mit kalter Hand berühren, ein Streicheln, das sie nicht die Kälte meiner Hand spüren lassen soll.

Wie es ist, wenn ich versuche jede Ihrer Gesten, ihre Worte und Wärme, jeden Augenblick mit ihr tief in mich verewigen zu wollen.

Wie es ist, daran kann ich mich manchmal erinnern. Dann lächle ich.


Auf dem Floß

20. Oktober 2008

Ich ließ die Tür ins Schloss fallen. Die mit nach oben gebrachten Briefe legte ich neben das Telefon und begann meine Jacke auszuziehen.

„Bist du das?“

„Ja!“, rief ich durch die Wohnung. Die Jacke hatte ich auf einem Bügel an der Garderobe aufgehängt. Es war still.

„Du bist so leise!?“

„Ich bin hier!“

Tanajs Stimme klang zart aus dem Wohnzimmer durch den Flur. Ich ging nach vorne und trat durch die halb geöffnete Tür. Tanja saß dort, auf dem Sofa in diesem Dämmerlicht und blickte zu unserem, mit Büchern gefüllten, Regal. Da erkannte ich, dass Ihre feuchten Augen einen Punkt in weiter Ferne sahen und schon fühlte ich mich unwohl.

„Tanja?“

„Halt mich! Halt mich einfach!“

Sie stellte das fast leere Glas mit Rotwein neben sich auf den Boden und empfing mich mit offenen Armen. Ihren festen Körper drückte ich an mich und musste sie festhalten wie ein Ertrinkender. Sie schluchzte und vergrub ihr Gesicht in meinem Hals. Ich rang einen kurzen Moment nach Worten, doch war ich zu verwirrt um zu begreifen oder etwas zu fragen, dessen Antwort ich verstehen würde.

Wie Tänzer wogen unsere Körper während wir uns in den Armen hielten. Die Umklammerung lösten wir zwischen den endlosen Küssen nur um uns nach und nach unserer Kleider zu entledigen. Welch ein Gefühl, ihren Körper an meinem zu spüren. Energischer wurden unsere Bewegungen, fester pressten wir uns aneinander. Langsam steigerte Tanja die Geschwindigkeit und ein Taumel erfasste mich.

Ich lag auf dem Boden und konnte Ihr Gesicht nur schemenhaft erkennen, da inzwischen die Dunkelheit den Raum eingenommen hatte, während wir uns noch immer auf dem Boden liebten. Sie bewegte ihr Becken auf und ab und schwenkte es bis ich fast den Verstand verlor. Ich konnte erkennen wie Tanja ihre Arme über ihrem Kopf verkreuzte und sich die langen Haare von hinten nach vorne warf um dann den Kopf nach hinten zu biegen.

Wohin trieben wir? Wir hatten schon lange nicht mehr die gleiche Richtung, doch wohin trieben wir? Sollten wir schwimmen? Schwimmen war so schwer, kostete so viel Kraft. Konnte ich es denn überhaupt? Hatte es noch nie versucht.

Irgendwann schliefen wir ein.


Flut

26. August 2008

Kein Verlangen, keine Abneigung. Nichts. Eine unvergleichliche Leere.

Ich mache die Augen auf. Durch die Jalousie fällt feines Licht. Leise dringt das Treiben unten auf der Straße nach oben. Was war das für ein Traum? Wovon habe ich geträumt? Alles was davon übrig bleibt ist dieses Gefühl der Leere. Sie erdrückt mich und hält mich im Bett gefangen während ich versuche mich aus der Umklammerung des Schlafs zu befreien.

Tanja liegt neben mir. Bitte, lass sie weiter schlafen! Was würde ich nur tun wenn sie nun aufwachen würde? Mit Schaudern erinnere ich mich an ihr albernes Getue auf der Party am Abend zuvor. Ungläubig und ohnmächtig musste ich Ihrem bunten Treiben gestern zusehen. Dieses Lachen, das sie uns zeigte, ließ ihr Gesicht zur Grimasse werden; richtig abstoßend.

Doch da kommt sie. Warm füllt die Wut meinen Magen, lässt mich die Zähne zusammen beißen. Ich könnte sie jetzt über den Balkon heben, ihr nachschauen während sie die fünf Stockwerke nach unten fällt Mein Gott, hab ich eine Wut im Bauch. Wie kann ich nur entkommen?


Bjelovar

7. Juli 2008

September 1993. Wir kamen spät über die Berge. Marijana schrie laut auf, als sie das Meer sah. „I’m the winner!“. Sie jubelte und lachte ausgelassen wie ein Kind. Durch ihr blondes Haar schimmerte die Sonne und ihre blauen Augen funkelten während sie sich laut darüber freute das Meer als erstes gesehen zu haben.

Wir waren früh in Djakovo aufgebrochen. Verdammt früh. Selbst der Hund schlief als wir das Gepäck zum Auto brachten. Ich reckte mich noch einmal und gähnte bevor wir einstiegen. Heilfroh, dass die Nacht ruhig verlaufen war, startete ich das Auto.

„Bjelovar?“, fragte ich.

„I have no news, yet. But let me call Cilka later.“

Die Straße über Bjelovar musste ich immer dann nehmen, wenn serbische Truppen Brücken beschädigten oder zerstörten, die auf dem Weg nach Westen lagen. Es war ein Katz- und Maus-Spiel, da die Brücken Tage später wieder befahren werden konnten oder Provisorien geschaffen wurden. Für mich war es lediglich ein Ärgernis. Landstraßen bedeuteten einen Umweg durch ein Land, in dem die Leute ihren Nachbarn das Haus nieder brannten weil diese Serben waren. Bisher war mir in diesem Land nur Freundlichkeit entgegen gebracht worden. Umso weniger verstand ich diesen Krieg. Ihren Krieg.

Ich überquerte die Kreuzung und fuhr in Richtung Slavonski Brod. Wir hatten den Radio an um Musik und aktuelle Nachrichten zu haben. Wie immer unterhielten wir uns mit einem Sprachgemisch englischer, kroatischer und deutscher Zutaten. Außerhalb eines Dorf unweit von Djakovo bat Marijana mich anzuhalten. Sie lauschte gespannt den Nachrichten, die für mich viel zu schnell und undeutlich gesprochen schienen.

„We’ll better take a different route. No need to call Cilka.“

Ihr Gesicht war ernst. Ich hatte aus den Nachrichten nur die Namen einiger Orte heraus hören können. Vinkovci, Vukovar, Slavonski Brod und Karlovac waren mir bekannte Namen. Es gab wohl wieder Angriffe.

„What about Cilka?“ wollte ich wissen?

„We shouldn’t go to Karlovac today. They say, there are grenade and rocket impact. I will call Cilka later. Bjelovar.“

Sie drehte sich nach hinten während ich den Wagen startete. Aus einer Tasche holte sie eine Flasche Wasser, etwas Brot und Obst. Da war er wieder. Dieser Krieg. Oft vergaß ich ihn. Manchmal hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil es mir nicht dauernd bewusst war, dass hier ein erbitterter und brutaler Krieg geführt wurde. Doch dann wieder war er so präsent, dass man ihn mit bloßen Händen hätte fassen können. Breitet sich zwischen Menschen aus und lässt sie schweigen. Das Radio plärrte weiter und nach ein paar Anweisungen wie und wo ich abbiegen sollte, war er auch wieder gewichen.

Stunden später jubelte und lachte Marijana ausgelassen wie ein Kind. Durch ihr blondes Haar schimmerte die Sonne und ihre blauen Augen funkelten während sie sich laut darüber freute das Meer als erstes gesehen zu haben.