Bjelovar

September 1993. Wir kamen spät über die Berge. Marijana schrie laut auf, als sie das Meer sah. „I’m the winner!“. Sie jubelte und lachte ausgelassen wie ein Kind. Durch ihr blondes Haar schimmerte die Sonne und ihre blauen Augen funkelten während sie sich laut darüber freute das Meer als erstes gesehen zu haben.

Wir waren früh in Djakovo aufgebrochen. Verdammt früh. Selbst der Hund schlief als wir das Gepäck zum Auto brachten. Ich reckte mich noch einmal und gähnte bevor wir einstiegen. Heilfroh, dass die Nacht ruhig verlaufen war, startete ich das Auto.

„Bjelovar?“, fragte ich.

„I have no news, yet. But let me call Cilka later.“

Die Straße über Bjelovar musste ich immer dann nehmen, wenn serbische Truppen Brücken beschädigten oder zerstörten, die auf dem Weg nach Westen lagen. Es war ein Katz- und Maus-Spiel, da die Brücken Tage später wieder befahren werden konnten oder Provisorien geschaffen wurden. Für mich war es lediglich ein Ärgernis. Landstraßen bedeuteten einen Umweg durch ein Land, in dem die Leute ihren Nachbarn das Haus nieder brannten weil diese Serben waren. Bisher war mir in diesem Land nur Freundlichkeit entgegen gebracht worden. Umso weniger verstand ich diesen Krieg. Ihren Krieg.

Ich überquerte die Kreuzung und fuhr in Richtung Slavonski Brod. Wir hatten den Radio an um Musik und aktuelle Nachrichten zu haben. Wie immer unterhielten wir uns mit einem Sprachgemisch englischer, kroatischer und deutscher Zutaten. Außerhalb eines Dorf unweit von Djakovo bat Marijana mich anzuhalten. Sie lauschte gespannt den Nachrichten, die für mich viel zu schnell und undeutlich gesprochen schienen.

„We’ll better take a different route. No need to call Cilka.“

Ihr Gesicht war ernst. Ich hatte aus den Nachrichten nur die Namen einiger Orte heraus hören können. Vinkovci, Vukovar, Slavonski Brod und Karlovac waren mir bekannte Namen. Es gab wohl wieder Angriffe.

„What about Cilka?“ wollte ich wissen?

„We shouldn’t go to Karlovac today. They say, there are grenade and rocket impact. I will call Cilka later. Bjelovar.“

Sie drehte sich nach hinten während ich den Wagen startete. Aus einer Tasche holte sie eine Flasche Wasser, etwas Brot und Obst. Da war er wieder. Dieser Krieg. Oft vergaß ich ihn. Manchmal hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil es mir nicht dauernd bewusst war, dass hier ein erbitterter und brutaler Krieg geführt wurde. Doch dann wieder war er so präsent, dass man ihn mit bloßen Händen hätte fassen können. Breitet sich zwischen Menschen aus und lässt sie schweigen. Das Radio plärrte weiter und nach ein paar Anweisungen wie und wo ich abbiegen sollte, war er auch wieder gewichen.

Stunden später jubelte und lachte Marijana ausgelassen wie ein Kind. Durch ihr blondes Haar schimmerte die Sonne und ihre blauen Augen funkelten während sie sich laut darüber freute das Meer als erstes gesehen zu haben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: