Bjelovar

7. Juli 2008

September 1993. Wir kamen spät über die Berge. Marijana schrie laut auf, als sie das Meer sah. „I’m the winner!“. Sie jubelte und lachte ausgelassen wie ein Kind. Durch ihr blondes Haar schimmerte die Sonne und ihre blauen Augen funkelten während sie sich laut darüber freute das Meer als erstes gesehen zu haben.

Wir waren früh in Djakovo aufgebrochen. Verdammt früh. Selbst der Hund schlief als wir das Gepäck zum Auto brachten. Ich reckte mich noch einmal und gähnte bevor wir einstiegen. Heilfroh, dass die Nacht ruhig verlaufen war, startete ich das Auto.

„Bjelovar?“, fragte ich.

„I have no news, yet. But let me call Cilka later.“

Die Straße über Bjelovar musste ich immer dann nehmen, wenn serbische Truppen Brücken beschädigten oder zerstörten, die auf dem Weg nach Westen lagen. Es war ein Katz- und Maus-Spiel, da die Brücken Tage später wieder befahren werden konnten oder Provisorien geschaffen wurden. Für mich war es lediglich ein Ärgernis. Landstraßen bedeuteten einen Umweg durch ein Land, in dem die Leute ihren Nachbarn das Haus nieder brannten weil diese Serben waren. Bisher war mir in diesem Land nur Freundlichkeit entgegen gebracht worden. Umso weniger verstand ich diesen Krieg. Ihren Krieg.

Ich überquerte die Kreuzung und fuhr in Richtung Slavonski Brod. Wir hatten den Radio an um Musik und aktuelle Nachrichten zu haben. Wie immer unterhielten wir uns mit einem Sprachgemisch englischer, kroatischer und deutscher Zutaten. Außerhalb eines Dorf unweit von Djakovo bat Marijana mich anzuhalten. Sie lauschte gespannt den Nachrichten, die für mich viel zu schnell und undeutlich gesprochen schienen.

„We’ll better take a different route. No need to call Cilka.“

Ihr Gesicht war ernst. Ich hatte aus den Nachrichten nur die Namen einiger Orte heraus hören können. Vinkovci, Vukovar, Slavonski Brod und Karlovac waren mir bekannte Namen. Es gab wohl wieder Angriffe.

„What about Cilka?“ wollte ich wissen?

„We shouldn’t go to Karlovac today. They say, there are grenade and rocket impact. I will call Cilka later. Bjelovar.“

Sie drehte sich nach hinten während ich den Wagen startete. Aus einer Tasche holte sie eine Flasche Wasser, etwas Brot und Obst. Da war er wieder. Dieser Krieg. Oft vergaß ich ihn. Manchmal hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil es mir nicht dauernd bewusst war, dass hier ein erbitterter und brutaler Krieg geführt wurde. Doch dann wieder war er so präsent, dass man ihn mit bloßen Händen hätte fassen können. Breitet sich zwischen Menschen aus und lässt sie schweigen. Das Radio plärrte weiter und nach ein paar Anweisungen wie und wo ich abbiegen sollte, war er auch wieder gewichen.

Stunden später jubelte und lachte Marijana ausgelassen wie ein Kind. Durch ihr blondes Haar schimmerte die Sonne und ihre blauen Augen funkelten während sie sich laut darüber freute das Meer als erstes gesehen zu haben.


Alter Ego

6. Juli 2008

Ich sitze mit Tanja beim Frühstück im Ratscafe. Angenehm, dass hier nicht mehr geraucht wird, denke ich. Tanja ist zum vierten oder fünften mal am Buffet. Der Kaffee schmeckt so schön bitter wie er schwarz ist. Das Gemurmel um mich herum weckt in mir schon wieder die Lust auf das Bett. Ihr Bett. Mein Bett? Im Hintergrund höre ich „Everywhere“ von Pink Martini und das wohlige Gefühl kehrt zurück wie es ist sich in Tanjas Körper zu vergraben. Welches Bett?

„Ich konnte keinen Müsli-Riegel mehr für dich auftreiben.“ Sie zieht ihren Stuhl scharrend über den Boden an den Tisch als sie sich setzt. „Kein Problem!“ erwidere ich und schenke ihr ein Lächeln. Hatte ich sie darum gebeten, frage ich mich? Ich beiße in mein Brötchen während ich weiter überlege. Hatte ich was von einem Müsli-Riegel gesagt?

Die Reste vom Brötchen spüle ich mit Kaffee runter. „Was machst du heute noch?“, frage ich weil mein Bauch für mein Bett entschieden hat. Sie schaut mir erstarrt in die Augen.

„Glaubst du denn eigentlich, dass du kommen und gehen kannst wann du willst?“

Diesen Punkt zu diskutieren und es einzugestehen traue ich mich, um ehrlich zu sein, in der aktuellen Situation nicht. Ich bin müde, sie aggressiv und wir beide schon seit fast 36 Stunden zusammen.

„Ich muss noch schreiben, Tanja.“, versuche ich mit mit sanfter Stimme. Sie greift zu ihrer Tasse, aus der Starre gelöst. „Ich vergaß“, flüstert sie fast, während sie ihren Blick auf das Brötchen richtet, das sie gerade mit Marmelade bestreicht. „Tut mir leid“, fügt sie hinzu. Gerne würde ich zu ihr herüber greifen und ihre Hand festhalten, doch sie hat ihre Hände beschäftigt. Also lächle ich sie an und küsse sie mit einem Zwinkern durch die Luft.

„Wie hälst du es nur so lange mit mir aus?“, lacht sie nun laut während sie ihr Brötchen zum Mund führt. Bevor sie noch den ersten Bissen macht antworte ich: „Ich glaube es liegt am Sex und deinem Geld. Aber ich kann mich auch irren.“

Lachend lässt sie das Brötchen fallen. Sie nimmt mich einfach nicht ernst.